Großbritannien

Großbritannien, seit dem BREXIT-Wahnsinn in aller Munde, hat weitaus mehr zu bieten als wütende „Leave“ oder „Stay“ Demonstranten und PolitikerInnen; – auch mehr als hartnäckige Klischees von lauwarmem Bier, schlechter Küche und miesem Wetter, dem aus England, Schottland, Wales und Nordirland zusammengefügten Vereinigten Königreich zugestehen wollen. Auf Europas größter Insel leben 65 Millionen Menschen, 83% davon Engländer nebst 8% Schotten und 5 % Waliser, sowie weitere 3% „sonstige“ meist aus Europa, Asien und Afrika. Zusätzlich gehören auf der zweitgrößten Insel Irland noch 2 Millionen Nordiren zum Königreich.

Bis zum Ende des 2. Weltkriegs galt das durch Handel und Eroberungen stetig wachsende „British Empire“ als eines der größten Imperien der Geschichte; und noch heute, lange nach der Trennung von den Übersee-Kolonien, findet man in allen Landesteilen bis zu 3 Millionen Menschen aus allen Teilen des ehemals gewaltigen Reiches zusätzlich zu den einigen Hunderttausenden Europäern.

Großbritannien war lange Zeit die führende Industrie- und Handelsnation der Welt und dominierte den Stahl- und Textilhandel, Schwerindustrie und Schiffsbau weltweit. Heute hat sich das Land wie die meisten europäischen Staaten der Moderne angepasst und ist zu 75% zu einer Dienstleistungsgesellschaft geworden mit dem größten Finanz- und Versicherungszentrum Europas in London. Das Wirtschaftssystem der Briten, der „angelsächsische Kapitalismus“, ist anders als die deutsche „soziale Marktwirtschaft“ geprägt von Deregulierung und Liberalisierung. Nirgendwo in Europa hat das Wort „freier Markt“ so einen hohen Idealwert wie hier – was auch ein Grund sein kann für die doch erstaunliche Hitze der Diskussionen der kühlen Briten um den BREXIT.

Große volkswirtschaftliche Bedeutung hat heute der Tourismus. Mit 27 Millionen Besuchern im Jahr zählt Großbritannien zu den wichtigsten Touristendestinationen überhaupt. Hier sind es besonders die schottischen und walisischen Hochlande sowie der Lake District im Norden Englands, die viele Touristen anziehen. Nicht weniger aber auch die unzähligen schönen Parklandschaften, oder die mittelalterlichen Städte und Dörfchen, die kosmopolitischen Metropolen wie neben London noch Manchester, Liverpool, Leeds, Glasgow und vor allem Edinburgh, sowie die unzähligen Burgen und aristokratischen Landsitze auf der Insel. Die Südküste Englands erfreut sich dabei wegen ihres milden Klimas besonderer Aufmerksamkeit. Man sollte aber nicht vergessen, dass auch gut 10% der britischen Wirtschaftsleistung aus dem Energiesektor kommen, aus Erdöl-, Erdgas- und Kohlevorkommen. (Royal Dutch) Shell und BP (British Petrol) sind in britischer Hand. Auch der Agrar- und Nahrungsmittelsektor behauptet sich nach wie vor mit Whiskey, Port, Käse, Tee, Gin, Port und Sherry als seit jeher berühmten Produkten.

Das Durchschnittsgehalt von Vollzeit-Angestellten liegt in Großbritannien mit ca. € 2.500 im Monat gut 20% niedriger als in Deutschland. Es gibt aber erhebliche regionale Unterschiede. Ebenso bei den Lebenshaltungskosten, die im Durchschnitt den deutschen ähneln. Am teuersten ist das Leben im Großraum London und in anderen Großstädten und Ballungsräumen, wo besonders die Mieten sehr hoch sind; am preiswertesten ist es auf dem Lande und in kleineren Städten wie Bristol, York, Norwich, Stirling u.ä.

Das Klima Großbritanniens ist vor allen Dingen mild, wenn auch häufig feucht. Kalte Winter mit viel Schnee sind selbst im schottischen Hochland nicht mehr die Regel, und die traditionellen Skigebiete um Aviemore haben aufgrund des Klimawandels ähnliche Schneeprobleme wie die bayrischen Alpen.

Kulturell ist die englische Gesellschaft von heute zu großen Teilen der noch durch das „Empire“ zementierten „Klassengesellschaft“ entwachsen, wenn auch noch viele als typisch britisch geltende Verhaltensweisen allgegenwärtig sind: wie vor allem die Hochschätzung von Höflichkeit und Zurückhaltung eines „gentleman“ und einer „lady“ statt burschikosem Gradheraus, Küsschen, Umarmung, Gestikulieren und Lärmen. Traditionelle Tischsitten werden gepflegt, die Tea Time mit ihren Riten existiert ebenso weiter wie die Unterteilung (guter) öffentlicher Lokale in „bars“ und „lounges“ und die manchmal allzu schnell herablassende Einschätzung der sprachlichen Kapazität und sozialen Zugehörigkeit der Mitmenschen. Einrichtungen wie die berühmten Privatschulen von Eton und Harrow, die Weltklasse-Universitäten Oxford, Cambridge und Edinburgh (nach wie vor die Bildungsstätten der politischen und wirtschaftlichen Elite Großbritanniens) florieren ebenso wie moderne Campus-Hochschulen; neben dem populären Rugby, dem Darts- und Billardspiel und dem Fußball gibt es weiter die elitären Sportarten Golf, Cricket und Polo mit unendlich viel TV-Zeit. Während sich die „großen alte Damen“ BBC und „The Times“ um saubere Sprache und gepflegten Journalismus bemühen, schreien sich daneben die privaten Sender und andere Medien im vulgärstem Ton die Kehlen wund; – und im House of Commons, dem britischen Parlament, geht es mitunter in heftigen Debatten zu wie unter Kesselflickern, während die Queen würdevoll tront und das House of Lords vornehm schweigt.

Das Bild der großen Gegensätzlichkeiten, das die britische Kultur heute bietet ist immer wieder geprägt von traditionellem, jahrhundertalten Kulturgut wie den Dramen Shakespeares oder der King James Bible, den Romanen von Henry Fielding oder Charles Dickens, und daneben von der schrillsten Moderne, angefangen bei den „Beatles“ oder „Stones“ zum Hardrock, Punk und Vivienne Westwood.

Das britische Bildungssystem gilt weltweit als vorbildlich von der Grundschule an. Historisch gesehen gab es bis zum 19. Jahrhundert nur 6 so genannte. „ancient universities“: neben Oxford und Cambridge noch die schottischen in Aberdeen, Edinburgh, Glasgow und St. Andrews. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen viele so genannte Polytechnics (Fachhochschulen) hinzu, die inzwischen alle in Universitäten umgewidmet sind. Und seit ca. 1960 läuft eine dritte Welle moderner Hochschulgründungen, die die Gesamtzahl inzwischen auf über 160 gebracht hat. Fast alle Hochschulen leben vom Geld des Staates (es gibt nur eine Handvoll privater Hochschulen nach amerikanischem System), aber sind dennoch gezwungen, für europäische Verhältnisse hohe Studiengebühren zu nehmen, um existieren zu können. Für Nicht-Briten liegen solche Gebühren zwischen € 12.000 und € 50.000 pro Jahr (außer in Schottland, wo ein EU-Bürger immer noch wie ein Einheimischer zählt, - der keine Gebühren bezahlt).